Aktuell

Wenn Gedichte zu feinen Reimen werden
-> zurück           

Unvergessliche Gedichtsminuten in der Mühle Maur

gw. Unglaublich, aber wahr: Gedichte können einem vor Begeisterung aus dem Sessel reissen. Diese Erfahrung machten am vergangenen Sonntag die Besucherinnen und Besucher der Matinée „Feine Reime“.

In der Einladung von den beiden zur Zeit in der Werkgalerie ausstellenden Künstlerinnen Monika Rutschi und Andrea Fischer zur Matinée „Feine Reime“, stand zwar, dass Gedichte auf eine ganz andere Art vorgetragen werden als man es sich von der Schulzeit her gewohnt sei. Dass der Unterschied aber dermassen gross sein kann, hatte wohl niemand erwartet. Während neunzig Minuten entführte das Duo Isabelle und Fabrizio das Publikum in eine bislang unbekannte Gedichterwelt.

Gedichte werden wahr
Die junge Schauspielerin Isabelle-Anne Küng vermochte von Anfang an die Zuschauerinnen und Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Schon beim ersten Gedicht „Der Handschuh“ von Friedrich Schiller, in dem das Fräulein Kunigunde einen gefährlichen Liebesbeweis dem mutigen Ritter Delorges abverlangte, riss sie das Publikum mit ihrer unglaublichen Mimik und Gestik und den treffend betont vorgetragenen Zeilen mitten in die Arena der Löwen, Tiger und Leoparden mit. Die darauf folgende „Eskimoiade“, eine bis ins letzte Detail gekonnt hervorgebrachte und gespielte Wortklauberei mit Krimimanier verlockte geradezu zum Mitmachen. Beim Diätlied mit Ohrfeigen von Robert Gernhardt kam der Musiker Fabrizio Mosconi aus Besenbüren so richtig zum Zuge: Bei jedem kalorienreichen Menubestandteil verteilte er musikalische Ohrfeigen an die ach so hungrig leidende und sich wütend zur Wehr setzende Isabelle. Ob bei Loriots Adventsgedicht, Erich Kästners Klassenzusammenkunft oder beim Monolog eines Blinden, ob bei Fritz Eckengas Hummerreim, Kurt Schwiters Nixe, das Duo Isabelle und Fabrizio liessen die Gedichte der bekannten Meister lebendig und erlebbar werden.

Aus der Not heraus
Nach der dreijährigen Schauspielausbildung in München erging es der 1977 geborenen Isabelle-Anne Küng aus Baden wie so vielen anderen dieser Berufsgattung: sie fand kein Engagement. „Die Idee zu „Feine Reime“ entstand aus der Not der Arbeitslosigkeit heraus“ berichtet sie. „Da ich schon in der Schule viel für Gedichte übrig hatte, aber fand, man sollte diese ganz anders vortragen, sagte ich mir, das machst du jetzt besser und zeigst es allen, wie es auch sein kann!“

Eine gute Idee mausert sich
Isabelle-Anne Küngs erster Auftritt vor zwei Jahren dauerte grade mal dreissig Minuten. Lange genug, um die rund vierzig Zuschauerinnen und Zuschauer vollauf zu begeistern. Das „Projekt Feine Reime“, wie Isabelle-Anne Küng es nennt, hat sich unerwartet zu etwas Grösserem entwickelt. Zwar lässt es sich alleine davon nicht leben, aber die Auftritte nehmen zu und das Repertoire umfasst inzwischen unglaubliche neunzig Minuten. Was geblieben ist, ist die Begeisterung beim Publikum. So auch in Maur, was der grosse Applaus in der Mühle bewies.